
4. Podium in 4 Jahren
Team Velolease holt den 2. Platz beim Ötzi 2026
227 Kilometer, 5.500 Höhenmeter, vier legendäre Pässe und mehr als 4.000 Starter: Der Ötztaler Radmarathon gehört für viele Radsportler zum Höhepunkt der Saison. Für Team Velolease war die 45. Auflage des Klassikers in diesem Jahr noch einmal etwas Besonderes: Erstmals konnte die Mannschaft mit allen 14 Fahrern an den Start gehen. Entsprechend groß war die Atmosphäre bereits in den Tagen vor dem Rennen. Am Ende standen ein herausragender zweiter Platz in der Teamwertung, eine Zeit unter der magischen 7-Stunden Marke, ein neuer U20-Streckenrekord und zahlreiche persönliche Bestleistungen zu Buche.
Der Ötztaler ist für Team Velolease traditionell das wichtigste Rennen der Saison. Entsprechend viel Zeit hatte die Mannschaft in den Tagen vor dem Start gemeinsam verbracht. Nach zahlreichen gemeinsamen Rennwochenenden und vielen Stunden auf dem Rad kennt man sich inzwischen bestens – aus einem Radsportteam ist dadurch längst eine Gemeinschaft geworden, die beinahe familiäre Züge angenommen hat. Mit allen 14 Fahrern gemeinsam am Start war die Atmosphäre im Teamhaus entsprechend besonders.
Und die bekamen von Beginn an keine Gelegenheit, sich langsam ins Rennen einzufinden. Bereits auf der Abfahrt von Sölden in Richtung Ötz wurde die Geschwindigkeit brutal hochgehalten. In der ersten halben Stunde lag der Schnitt bei knapp 60 km/h, während gleichzeitig um jede Position gekämpft wurde.
Am ersten Anstieg zum Kühtai wurde dieses Tempo direkt fortgesetzt. Den ersten Fahrer aus dem Velolease-Team, der sich dabei entscheidend nach vorne arbeitete, stellte Florian Christ. Durch seine Positionierung zu Beginn des Rennens hatte der 30-Jährige zunächst einige Plätze gutzumachen. Am Kühtai gelang ihm das eindrucksvoll: Mit einem mutigen Vorstoß arbeitete er sich immer weiter nach vorne und schaffte schließlich den Sprung in die rund 15-köpfige Favoritengruppe.
Dabei hatte Christ allerdings nicht nur mit den Höhenmetern zu kämpfen. Bei einem Antritt drehte er sich kurz nach hinten um und verlor dabei seine Sonnenbrille. Ersatz gab es nicht – damit musste er den Rest des Rennens ohne Brille bestreiten. Besonders in den schnellen Abfahrten sollte sich das noch bemerkbar machen. Bereits vom Kühtai ging es mit Geschwindigkeiten von bis zu 115 km/h talwärts, sodass ihm der Fahrtwind ordentlich zu schaffen machte und zwischenzeitlich für feuchte Augen sorgte.
Auch Quirin Raubinger gelang ein starker Auftakt. Er befand sich zunächst gemeinsam mit dem Betzdorfer Elias Jakobs in einer größeren Verfolgergruppe mit rund 20 bis 30 Fahrern. Und das genau an der Stelle, die die beiden Fahrer bestens kannten - Raubinger und Jakobs verbrachten nämlich in Vorbereitung auf den "Ötzi" zuvor gemeinsam 3 Wochen am Kühtai im Höhentrainingslager. Quirin nutzte anschließend gemeinsam mit einigen weiteren Fahrern die Gelegenheit, sich Stück für Stück weiter nach vorne zu arbeiten. Schließlich schaffte auch er den Sprung in die Favoritengruppe. Damit waren gleich zwei Velolease-Fahrer in der Spitze vertreten.
Elias Jakobs blieb zunächst in der ersten größeren Verfolgergruppe und hielt dort den Anschluss. Für den erst 18-Jährigen war es der erste Ötztaler Radmarathon überhaupt – und schon früh zeigte sich, dass er sich an diesem Tag keineswegs verstecken musste.
In der Spitzengruppe wurde anschließend bis zum Brenner ein enorm hohes Tempo gefahren. Die Zusammenarbeit funktionierte dabei hervorragend: Jeder Fahrer übernahm Führungsarbeit, jeder investierte. Mittendrin auch Christ und Raubinger, die damit nicht nur um ihre eigenen Platzierungen kämpften, sondern später sogar einen kleinen Anteil am Streckenrekord des späteren Siegers Jack Burke für sich beanspruchen konnten. Burke, der das Rennen in 6:29:21 Stunden gewann und damit einen neuen Streckenrekord aufstellte, bedankte sich bei der späteren Siegerehrung ausdrücklich bei den Fahrern seiner Gruppe für deren Arbeit. Auch die beiden Velolease-Fahrer hatten damit ihren Anteil an einem außergewöhnlichen Renntempo.
Während vorne also bereits auf Rekordniveau gefahren wurde, hielt sich Elias weiter in der ersten Verfolgergruppe. Auch André Reinlein ging das Rennen zunächst etwas kontrollierter an. Nach dem extrem schnellen Beginn fand er sich in der nachfolgenden Gruppe wieder.
Nach dem Brenner und der Abfahrt Richtung Sterzing wurde das Rennen zunehmend selektiver. Spätestens am Jaufenpass musste jeder Fahrer seinen eigenen Rhythmus finden. Das bis dahin gefahrene Tempo und die bereits absolvierten Höhenmeter machten sich bemerkbar, gleichzeitig durfte niemand zu früh zu tief in die eigenen Reserven greifen. Gerade mit Blick auf das noch bevorstehende Timmelsjoch ging es nun darum, das richtige Verhältnis zwischen Geschwindigkeit und Kräftehaushalt zu finden. Aus größeren Gruppen wurden kleine Grüppchen, ehe letztlich jeder Fahrer zunehmend auf sich allein gestellt war.
Damit begann der entscheidende Abschnitt des Rennens.
Mehr als 3.500 Höhenmeter waren bereits absolviert, als sich die Fahrer dem Timmelsjoch näherten. 1.800 weitere Höhenmeter am Stück lagen noch vor ihnen. Bei Florian Christ ging es inzwischen um die große persönliche Zielmarke: die magische Grenze von sieben Stunden.
Der 30-Jährige erreichte nach 6:23 Stunden das 2.474 Meter hohe Timmelsjoch. Zu diesem Zeitpunkt war klar: Wenn auf den letzten Kilometern nichts Außergewöhnliches mehr passierte, war die Marke zu schaffen. Doch ausgerechnet im kurzen Gegenanstieg nach der Mautstation meldeten sich die Beine noch einmal mit voller Härte. Ein Krampf ließ Christ beinahe von der Rennmaschine steigen und zwang ihn kurzzeitig sogar zum Absteigen und Schieben.
Für einige Momente schien die sicher geglaubte Sub-7 wieder in Gefahr. Doch Christ fand zurück auf das Rad und kämpfte sich durch die letzten Kilometer. Am Ende stand nach 6:53:35 Stunden tatsächlich erstmals eine Zeit unter sieben Stunden auf der Uhr. Christ wurde Gesamt-14. und Siebter seiner Altersklasse – und konnte damit seine bisher beste Leistung beim Ötztaler feiern. Diese Platzierung zeigt jedoch auch, wie sehr sich das Niveau des Starterfelds in den letzten Jahren gesteigert hat - noch vor zwei Jahren hätte diese Zeit für einen zweiten Platz im Gesamtklassement gereicht.
Noch etwas länger musste Elias Jakobs auf seinen großen Moment warten. Doch auch er konnte auf den letzten Kilometern noch einmal alles aus sich herausholen. Wie auch Christ bekam er im Bereich des Timmelsjochs erste Krampfansätze zu spüren, blieb aber konzentriert und fuhr sein Rennen kontrolliert zu Ende.
Mit 7:01:59 Stunden erreichte Jakobs schließlich das Ziel auf Rang 21 im Gesamtklassement. Für den erst 18-Jährigen war es nicht nur der erste Ötztaler Radmarathon, sondern gleichzeitig eine außergewöhnliche Premiere: Er unterbot den U20-Streckenrekord um rund 30 Minuten. Die bisherige Bestmarke stammt von Jonas Holzknecht aus dem Jahr 2022, der im Vorjahr sensationell Gesamtzweiter geworden war. Dass Jakobs diese Marke bei seiner ersten Teilnahme derart deutlich verbessern konnte, war damit eine der herausragenden Leistungen des gesamten Renntages.
Auch André Reinlein hatte sich seine Kräfte gut eingeteilt. Im späten Rennverlauf arbeitete er sich Stück für Stück nach vorne und erreichte das Timmelsjoch auf Rang 31. Besonders beeindruckend war dabei einmal mehr seine Fähigkeit, das eigene Tempo über viele Stunden konstant zu halten und das passende "Pacing" richtig einzuschätzen. Obwohl Reinlein am Jaufenpass noch rund sieben Minuten hinter Elias Jakobs lag, schaffte er es durch seine kontrollierte und gleichmäßige Fahrweise, diesen Rückstand bis ins Ziel auf gerade einmal zwei Minuten zu reduzieren. Am Ende standen für Reinlein 7:03 Stunden und Gesamtrang 26 zu Buche.
Nur kurze Zeit später erreichte mit Quirin Raubinger der nächste Fahrer von Team Velolease das Ziel. Nach 7:05 Stunden stand für ihn Gesamtrang 33 zu Buche. Gemessen an der offensiven Fahrweise zu Beginn und dem enormen Tempo, das er über lange Zeit mitgegangen war, bleibt Rang 33 damit eine beeindruckende Leistung.
Besonders emotional wurde der Zieleinlauf von Sebastian Stöhr. Nach seinem Sturz beim Ötztaler im Vorjahr, der damals für eine zwischenzeitliche völlige Ernüchterung gesorgt hatte, war die Rückkehr nach Sölden in diesem Jahr eine ganz persönliche Wiedergutmachung. Stöhr hatte sich vor dem Rennen die Marke von 7:30 Stunden vorgenommen und konnte diese mit 7:22 Stunden deutlich unterbieten. Als im Ziel zusätzlich der zweite Platz in der Teamwertung feststand, war die Freude entsprechend groß.
Auch die weiteren Fahrer sorgten für eine bemerkenswerte Breite im Ergebnis. Daniel Haible absolvierte die Strecke in 7:23 Stunden und war damit rund 20 Minuten schneller als im Vorjahr. Maxime Hagendorf blieb mit 7:29 ebenfalls unter der Marke von 7:30 Stunden.
Ronny Stober folgte in 7:36, Younes Jäckel in 7:38. Marius Schulte-Hullern kam nach exakt 8 Stunden ins Ziel, Maurice Mack nach 8:14 und Manuel George nach 8:40.
Für Philip Stratmann und Teamchef Stefan Eckardt endete der Renntag bereits in Sterzing. Beide erwischten schlicht keinen guten Tag und mussten das Rennen vorzeitig beenden.
Am Ende stand für Team Velolease ein herausragender zweiter Platz in der Teamwertung. Nur das ortsansässige Team Infinity Cycling war an diesem Tag noch schneller. Damit gelang zwar nicht die angestrebte Rückeroberung des Mannschaftssiegs, die Breite der Mannschaftsleistung war dennoch beeindruckend.
Besonders deutlich wird das beim Blick auf die Entwicklung gegenüber dem Vorjahr. Mehrere Fahrer verbesserten ihre persönlichen Zeiten deutlich, während sich gleichzeitig gleich mehrere im vorderen Gesamtklassement festsetzen konnten.
Der Ötztaler 2026 war damit für Team Velolease weit mehr als ein einzelnes Rennen. Schon die Tage im Teamhaus hatten gezeigt, wie eng die Mannschaft inzwischen zusammengewachsen ist. Auf der Strecke wurde daraus eine gemeinsame Herausforderung, bei der jeder Fahrer sein eigenes Rennen fahren musste – und am Ende trotzdem alle auf dasselbe Ziel hinarbeiteten: als Team möglichst weit nach vorne zu kommen.
